Flüchtlingshilfe Ludwigshafen - Ruchheim

HILFSEINSATZ IN BAYANOUN / SYRIEN  TAG 4

Nachdenkliches...

Ich habe meinen mitgebrachten löslichen Kaffee spendiert und und jeder hat irgendwas mitgebracht, Tassen, seltsam aussehenden Zucker, irgendwelche süssen kleinen Bällchen und so saßen etwa 15 Leute inmitten von Trümmern und tranken Kaffee, ein seltsam surreales Bild.

Bis jetzt waren die Menschen hier sehr zurückhaltend, redeten nicht sehr viel.

Heute wurde erzählt und manchmal auch gelacht, eine komische Situation.Wenn ich alles richtig verstanden habe, sind viele Menschen, die es sich leisten konnten in den Norden geflohen, als sich die Situation um Aleppo zugespitzt hat. Danach wurden viele Männer von der syrischen Armee zwangsrekrutiert und nach Homs und Aleppo gebracht, um gegen die Rebellen zu kämpfen. Von vielen hat man nie wieder was gehört.

Dann stand das Gebiet unter Kontrolle der Rebellen und wurde von der russichen Armee bombardiert. Das Assad-Regime hat im Februar eine Schule und ein Krankenhaus mit Fassbomben angegriffen, wobei viele Menschen umgekommen sind.

Die Stadt hier liegt ungünstig ausgerechnet in dem Gebiet, über das der Nachschub für die Rebellen und die Terrorgruppen für Aleppo kommt und wird daher regelmäßig unter Beschuss genommen.

Niemand hier hat Verständnis für das, was hier passiert, sterben ist an der Tagesordnung, gehört zum Alltag.

Im Abstand von wenigen Minuten donnern den ganzen Tag Kampfflugzeuge über den Ort, man schaut nach oben, ob was fällt oder nicht und geht weiter. Viel schlimmer als Fassbomben sind die Raketen, die unvermittelt ohne Ankündigung und ohne, dass man sie kommen sieht, innerhalb von Sekunden einschlagen und alles in Schutt und Asche legen.

Ich denke, man wird nie erfahren, wieviele Menschenleben der Krieg wirklich fordert.

Jemand erklärt mir, es wurde ja nie festgehalten, wer die Stadt verlassen hat, niemand weiss, ob er an seinem Ziel angekommen ist, viele Leichen liegen unter Trümmern, die mangels schwerem Gerät nie geborgen werden können.

Es gibt noch eine andere schlimme Entwicklung, auch hier.

Es ist ein absolut rechtsfreier Raum geworden. Jemand erklärt, wenn Du lange Zeit schon Streit mit deinem Nachbar hast, eine Leiche mehr oder weniger fällt hier nicht auf, es kümmert niemanden mehr.

Das schockiert, zeigt aber auch, zu was Menschen fähig werden, wenn sie in einer solchen Situation lange Zeit leben müssen.

Mich würde interessieren, ob der feine Herr Assad ernsthaft glaubt, er könne das Land in irgendeiner Form weiter regieren, wenn der Krieg einmal irgendwann zu Ende ist.

Es ist hier schon grauenhaft, keine Geschäfte, kein Wegkommen, jeden Tag Angst vor Bomben, Familienangehörige, die getötet wurden und ein ungeheuerer Hass auf das Regime. Die Menschen werden das nicht vergessen.

Eine Frau hat Bilder nach dem Luftangriff auf die Schule vor einigen Monaten gemacht und nachdem ich ihr erzählte, dass ich meine Reiseberichte regelmäßig auf Facebook veröffentliche, bat sie, auch diese Bilder zu zeigen. Alle sollen sehen, was hier passiert.

Nicht nur in Aleppo geschehen diese grauenhafte Dinge, auch in kleinen, unbedeutenden Städten.

Weil es diese Bilder sind, die klare Kriegsverbrechen zeigen, egal wer sie begangen hat, setze ich die Bilder hier ein.

Eigentlich sollten diese Bilder jeden Tag im Fernsehen gezeigt werden um endlich aufzurütteln, gut, dass Syrien ja weit weit entfernt ist.

Es sind ja fast nur noch alte Menschen hier und nur Gott weiss, was aus Ihnen wird.

Die gesamte Infrastruktur ist auf Jahrezente zerstört, ärztliche Versorgung gibt es nicht mehr,

Das Geld hat praktisch keinen Wert und ohne harte Währung geht gar nichts mehr.

Unverständlich, warum die Welt dem Treiben hier so lange zugesehen hat.

Wie schlimm kann es denn noch werden?

Es wird schwer, hier ohne schlechtes Gewissen wegzugehen.

 

Yousef hat schlechte Nachrichten mitgebracht die mich in eine ungünstige Situation bringen.

Die syrische Armee schneidet alle Nachschubwege vom Norden nach Süden ab.

Alles und jeder wird beschossen oder niedergebombt, was sich auf den Straßen von und nach Aleppo bewegt.

Das heißt für mich, ich komme hier so schnell nicht weg !!!

Eigentlich hatte ich geplant, mich morgen auf den Weg von hier in Richtung Türkei zu machen.

Mein Rückflug geht am 20. morgens um 5 Uhr ab Gaziantep.

Geplant hatte ich, spätestens morgen abend die Grenze zur Türkei zu passieren, um wenigsten noch eine Nacht vernünftig zu schlafen.

Yousef meinte, ich solle hier bleiben, in Gaziantep hat sich wohl gestern auch jemand in die Luft gesprengt. TOLL!!!

Das erklärt den erhöhten Flugbetrieb am Himmel in Richtung Norden.

Außerdem hat die Türkei wohl begonnen, Gebiete um Azaz wegen dem Autobombenanschlag an der Grenze letzte Woche mit Raketen zu beschießen.

Fazit :Nachts zu gehen, ist gefährlich, weil man nicht viel sieht und große Gebiete vermint wurden, tagsüber gibt man ein gutes Ziel für Scharfschützen ab, Autos werden aus der Luft beschossen.

Auf dem Rückweg von Adanan sah man auf dem Boden überall komische Metallteile, wohl nicht explodierte Geschosse der russischen Cluster- oder Streubomben.

Drauf treten sollte man wohl besser nicht.

Wir werden es morgen früh dennoch versuchen und dann entscheiden.

Viele Grüße nach Deutschland an Euch alle.