Flüchtlingshilfe Ludwigshafen - Ruchheim

RETTUNGSEINSATZ CHIOS / GRIECH. INSELN 17. - 31. März 2016  /  TAG 1

Heute mal ein etwas ausführlicher Bericht über die aktuelle Lage hier.

Laut einem aktuellen EU Abkommen will man hier morgen beginnen, alle Flüchtlinge aus den Camps mit Fähren nach Athen zu schaffen.

Die Menschen sind verunsichert, ängstlich, wissen nicht was auf sie zukommt.

Der Bereich um die Fähre im Hafen ist bereits weiträumig von Militär und Polizei abgeriegelt.

Wir haben heute Antonio kennengelernt, ein Grieche, der versucht, alles Mögliche auf irgendeine Art zu koordinieren.

So wie es aussieht, gibt es zwar eine große Menge freiwilliger Helfer, die sich um Verpflegung und Kleidung kümmern, aber so gut wie kein medizinisches Personal von abends bis früh morgens.

Wir waren in zwei Camps, weil man uns bat, einige erkrankte Personen anzuschauen, weil kein Arzt mehr erreichbar ist.

Ein solches Elend ist unvorstellbar.

Da werden bis zu 100 Menschen in baufällige alte Hallen gepfercht, so weit man schaut, nur ein paar Wolldecken auf dem Fußboden, keine Lüftung und gefühlte 30 Grad Temperatur.

Apathische Menschen, die auf den Decken sitzen, schlafen oder vor sich hinstarren, Kinder und Frauen in verschmutzen Kleidern.

In einem großen Zelt wurden wir zu einer Frau gerufen, die über Schmerzen in der Brust klagte und offensichtlich an einer Atemwegsinfektion leidet.

Unfassbar dann ein kleineres Zelt, vollgestopft mit Menschen, kein Strom, nur eine kleine Taschenlampe, die etwas Licht spendet. Dort bat eine Frau, die kurz vorher entbunden hat, um Hilfe, weil sie einen schweren Hautausschlag mit Schmerzen hat.

Hier sind einfach die Grenzen dessen erreich, was wir leisten können. Wir sind eingerichtet auf lebensrettende Sofortmaßnahmen im Notfallbereich, aber bei internistischen Dingen bleibt nur der Weg über die klinische Behandlung.

Die Menschen sprechen weder Deutsch noch englisch, ohne Dolmetscher ist keinerlei Verständigung möglich. Die Menschen haben Angst, sie müssten für Behandlungen bezahlen, fürchten sich davor, wenn Sie krank werden, die Fähre morgen nicht zu erreichen.

Wir sehen hier so viel unbeschreibliches Elend, dass man es gar nicht in seinen Einzelheiten beschreiben kann.

Wir werden von allen Seiten angesprochen und um Hilfe gebeten, wenn es auch nur ein tröstendes Wort ist oder man diesen Leuten wenigsten ein paar Minuten Aufmerksamkeit schenkt.

In Absprache mit dem Koordinationsteam sind wir jetzt fest in das Rescue Team integriert. Das System funktioniert folgendermaßen :

 

Flüchtlinge, die sich auf dem Wasserweg auf den Weg machen, haben hier in Chios Verwandte oder Bekannte, mit denen Sie unterwegs Kontakt halten.

Sobald ein Notfall eintritt, das Boot kentert oder sinkt, werden die sofort benachrichtigt.

Die Koordination auf Chios senden uns dann sofort per Whatsapp eine Nachricht mit den Koordinaten des Bootes.

Hier machen wir uns dann sofort auf den Weg zu diesen Koordinaten. Der Vorteil liegt darin, dass anhand der übermittelten Daten die sofortige Routenplanung gestartet werden kann.

Das hat denn auch den Vorteil, dass wir die Möglichkeit haben, auf dem Zimmer in Bereitschaft zu sein und nicht die ganze Nacht am Strand warten.

In den nächsten beiden Tagen erwarten wir dann noch ein zusätzliches Rettungsboot, speziell für uns, so dass wir unabhängiger reagieren können.