Flüchtlingshilfe Ludwigshafen - Ruchheim

RETTUNGSEINSATZ CHIOS / GRIECH. INSELN 17. - 31. März 2016  /  TAG 11

SCHLUSS-WORT :

Hallo, liebe Gruppenmitglieder.

Die Heimat hat uns wieder, gestern Abend gegen 17 Uhr sind wir in Frankfurt gelandet.

Nachdem die Anspannung verflogen ist und Alltag einkehrt, bleibt Zeit, auf die letzten 14 Tage mit etwas Abstand zurück zu blicken.

Wie versprochen, zuerst Angaben zu den Kosten der Aktion:

Die realen Kosten für

Flug

Mietwagen

Übernachtung

Fähren

Taxi

Lebensmittel

belaufen sich auf rund 2600 Euro, sehr viel Geld.

Sind wir mit dem Geld verantwortungsvoll umgegangen , ich bin sicher, JA.

Die Kosten für den Flug waren die günstigsten, die wir währen wir während der Planungsphase finden konnten.

Es hätte weit teuerere Direktverbindungen gegeben.

Ohne Mietwagen wäre es unmöglich gewesen, medizinische Ausrüstung ausreichend schnell an die jeweiligen Einsatzorte zu bringen.

Die Taxifahrten waren leider von Izmir nach Cesme erforderlich, da die Busverbindungen während der Nacht, als wir ankamen, nicht in Betrieb waren.

Gleiches gilt für die Rückfahrt.

Bei den Lebensmitteln haben wir sehr sorgfältig geplant, nur einmal am Tag warmes Essen und in der Regel etwa 9 Euro pro Person.

Wir müssen zugeben, dass wir uns auch mehrmals den Luxus von Kaffee gegönnt haben, sonst wären die Nachtschichten grausam verlaufen.

Mit den letzten noch eingetroffenen Spenden, NOCHMALS GANZ HERZLICHEN DANK, bleibt ein Betrag von runden 1400 Euro, die wir aus eigener Tasche finanzieren mussten.

Lohnt sich das ?

IN JEDEM FALL.

Wir konnten Leben retten, alles Andere zählt nicht.

Was ändert sich ?

Jeder von uns hat Eindrücke mitgenommen, die Spuren hinterlassen werden.

Es ist etwas unvergleichbar Anderes, einem völlig verängstigten Menschen, den man aus einem Boot zieht, in die dankbaren Augen zu blicken, als sich aus den täglichen Medienberichten ein Bild von diesem Elend zu machen.

Hautnah verzweifelten Menschen, die stundenlang bei Nacht über´s Meer in einem viel zu kleinen Boot unterwegs sind, gegenüber zu stehen, sie zu beruhigen, ihnen trockene Kleider und Lebensmittel zu geben, geht an niemandem spurlos vorbei.

Wir haben von vielen Aktionen Bilder hier eingestellt, aber was wir nicht nahebringen können, sind die Emotionen, die dabei entstehen.

Ich möchte es dennoch versuchen, den Ablauf halbwegs darzustellen, damit man eine Vorstellung bekommt, wie tragisch die Ereignisse wirklich sind.

Wer auf Nachtwache geht, muss sich über die Verantwortung bewusst sein, die er für Andere übernimmt.

Man blickt stundenlang auf eine absolut graue Wasserfläche, die sich 7-8 km bis zur türkischen Grenze erstreckt. Wenn keine Wellen oder starke Winde herrschen, weis man genau,

sie werden kommen, die Frage ist nur , wann und wo.

Es ist nahezu unmöglich, auf der dunklen Wasserfläche ein dunkelgraues Schlauchboot auszumachen, es sei denn, man hat das Glück, dass jemand auf dem Boot ein Licht anzündet

oder ein Handy benutzt, dessen Beleuchtung man erkennen kann.

Wir wissen von der Border-Police sowie von Funden auf der Insel, dass den Menschen kostengünstige Schwimmwesten verkauft werden, die keine Auftriebskörper, sondern billigen Schaumstoff

enthalten, der sich bei Kontakt mit Wasser vollsaugt und den Träger der Weste unter die Wasserfläche zieht.

So bleiben keine Zeugen, die Auskunft über den Schleuser geben können.

Die Menschen auf den Booten wissen nicht, wie man einen Bootsmotor wieder startet, wenn er wegen Benzinmangel aussetzt. Wir haben bei den Boten, die wir geborgen haben, gesehen, dass Benzin in provisorischen Trinkflaschen mitgegeben wird.

Wenn der Motor ausfällt, werden die Boote unweigerlich abgetrieben oder steuern auf die Klippen zu.

Es gibt Fälle, in denen die Menschen in den Booten überhaupt nicht wissen, wo sie sich befinden, so kam es, dass Flüchtlinge Meerwasser getrunken haben, weil man ihnen erzählte, sie würden sich auf einem großen Fluss befinden, der zwischen der Türkei und Europa liegt.

Mit diesem Wissen auf eine unendliche Wasserfläche zu starren, in der Hoffnung, bloß nichts zu übersehen, ist richtig nervenaufreibend.

Meist hört man Sie, bevor man sie überhaupt sehen kann.

​

Es ist das typische Geräusch eines Außenboard-Motors, das sich schnell der Küste nähert und dann hört man diese lauten Schreie der Menschen in den Booten.

Man kann sich nur schwer vorstellen, wie lange es dauert, eine Strecke von 7 km auf dem Wasser bei absoluter Dunkelheit, nass durch die Wellen bei starkem Wind, hinter sich zu bringen.

Flüchtlinge erzählten von bis zu 8 Stunden, die sie auf dem Wasser herumirrten.

Sobald man das Motorengeräusch vernimmt, weis man, jetzt muss es sehr schnell gehen, denn viel Zeit bis zum Anlanden bleibt dann nicht mehr.

Also abschätzen, wo die Landung erfolgt und mit dem Auto unter Vernachlässigen jeglicher Verkehrsordnung durch enge Gassen zum Strand rasen.

Die Flüchtlinge, die ankommen, sind total durchnässt, unterkühlt und teilweise verletzt. Auf den Rändern der Boote sitzen Männer und im Inneren die Frauen mit Ihren Baby´s und Kindern.

Dann beginnt die Hilfe, die Menschen an Land zu bringen. Jemand reicht einem ein Baby, das fest in eine Schwimmweste eingewickelt ist, ohne Nachzudenken, an den nächsten weiterreichen, so lange,

bis alle Kinder und Frauen aus dem Boot sind.

An Land fällt dann die Spannung schlagartig ab und die Eltern suchen Ihre Kinder, befreien sie aus Ihren Schutzwesten mit lautem Geschrei, Weinen und Beten.

Das alles läuft wie ein Film ab, den man nicht realisiert, weil man immer wieder Menschen packt und versucht, sie auf das trockene Land zu ziehen.

Mittlerweile treffen die Helfer mit ihren kleiderbeladenen Autos ein und versorgen zuerst die Kinder mit trockenen Kleidern , Getränken und leichten Lebensmitteln.

Wenn dann alle versorgt sind steht man Menschen mit Tränen in den Augen gegenüber, die sich unendlich in Ihrer Sprache bedanken. in der Hoffnung, endlich Ihr Ziel erreicht zu haben, für das sie

alles aufgegeben haben.

Was soll man einem Menschen sagen, der das alles erlebt hat und fragt, ob das endlich Europa sei ?

Irgendwann kommt dann der Bus, der alle abtransportiert und langsam leert sich der Strand, bis nur noch die Helfer zurückbleiben.

Erst dann kommen die Gedanken, für die man während der Aktion keine Zeit hatte und die sind belastend, sehr belastend.

Dennoch bleibt die Erkenntnis, man hat etwas Gutes getan, heute Abend ist niemand ertrunken, auch das kleine völlig durchnässte Baby, das anfangs vollkommen leblos erschien, schrie wie am Spieß, als man es aus seiner Schwimmweste befreite.

Wir haben viel gelernt, viele Erfahrungen gemacht, gute wie schlechte.

Wir haben sehr eng mit der Polizei zusammengearbeitet, die in den letzten Tagen sehr oft zu unserem Beobachtungsposten auf eine Tasse Kaffee vorbei kam.

Aus diesen Quellen haben wir oftmals auch Dinge erfahren, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren und die wir hier auch nicht weitergeben möchten.

Nur soviel, das was von diesem Elend in der Öffentlichkeit bekannt wird, ist nur ein Teil des Ganzen, der zum Glück unter Verschluss gehalten wird.

Wir hatten das Glück, dass viele Menschen aus unserem Kreis privat Gelder gespendet haben, uns in vollstem Vertrauen unterstützt haben.

Leider haben die kirchlichen Organisationen, denen die Aktion sehr wohl bekannt war, „dezent“ weggeschaut oder so getan, als ginge sie das alles nichts an, obwohl gerade dort genügend finanzielle Mittel zur Verfügung gestanden hätten, wenigstens 50 oder 100 Euro zur Verfügung zu stellen.

Keine Kritik, lediglich eine Feststellung, wir haben´s auch so gepackt.

Es gibt aber leider auch negative Dinge, die wir gegenwärtig noch sogfältig überprüfen und auf die wir entsprechend reagieren werden und auch müssen.

So haben sich private Organisationen, die in Chios „ tätig „ sind, unsere Einsatzbeschreibungen und selbst unsere Fotos und Bilder von der Facebookseite illegal kopiert und auf ihren Seiten eingesetzt, um dort ihrerseits für Spenden zu werben.

Momentan tragen wir die Beweismittel entsprechend zusammen und werden nach Versand einer entsprechenden Unterlassungserklärung evtl. Strafanzeige stellen.

Die Betreiber der Seiten sind entsprechend bekannt.

Viel zu schreiben bleibt nicht mehr, die Aktion „ CHIOS RETTUNGSEINSATZ 17.-31 MÄRZ 2016 „ ist nach unserer Meinung sehr erfolgreich verlaufen und beendet.

Wir hatten es uns gewünscht, aber nicht wirklich erwartet, dass wir soviel Zuspruch und Interesse auf unsere Aktion ernten. Umso erfreulicher haben wir jeden eurer Kommentare gelesen.

Mittlerweile hat sich ja unter unseren Mitgliedern ein „ harter Kern " gebildet, bestehend aus Menschen, die in Selbstlosigkeit unseren Flüchtlingen zur Seite stehen, jeder mit seinen Möglichkeiten.

Diese dürfen keinesfalls weniger beachtet werden, denn sie sind es, die alles im Hintergrund am Laufen halten ohne, dass man es groß nach Außen sieht.

Wir wünschen uns allen viel Spaß an unserem Wirken mit Menschen, die uns brauchen.

​

Gruß an Alle

Daniel, Ulli, Nils