Flüchtlingshilfe Ludwigshafen - Ruchheim

RETTUNGSEINSATZ CHIOS / GRIECH. INSELN 17. - 31. März 2016  /  TAG 2

Hier ist es gerade 02.15 Uhr und bevor wir versuchen, ein paar Stunden zu schlafen, noch eine Zusammenfassung.

Wir haben heute an einem Meeting teilgenommen, um uns in eine bestehende Gruppe von Helfern für den medizinischen Bereich einzugliedern.

Hier merkt man dann wieder, dass man sich in Europa befindet, denn auch hier steht die Bürokratie der Menschlichkeit im Wege.

Alles was über erste Hilfe hinausgeht, bedarf spezieller Genehmigungsprozeduren durch Behörden, Versicherungen müssen vorhanden sein, spezielle Kommunikationsformen gewahrt werden und das, obwohl hier täglich verletzte Flüchtlinge ankommen, Tote geborgen werden und zu wenig Fachpersonal vorhanden ist. Man hat uns darauf hingewiesen, dass zwei Helfer im Januar verhaftet wurden, nur weil sie ein FRONTEX-Boot fotografiert haben.

Alles nicht so einfach aber im Nachhinein hat man uns unterschätzt.

Die Gruppe, bei der wir unsere Hilfe angeboten hatten, besteht aus teilweise eingeschworenen Gemeinschaften, die seit langer Zeit agieren und es ist sehr schwer, da Zugang zu bekommen.

Nach dem Meeting hatten wir uns entschlossen, einfach einen Aussichtspunkt aufzusuchen und dort zu schauen, was sich auf dem Meer tut.

Als wir dort angekommen waren, war es bereits sehr dunkel und auf der Wasserfläche so gut wie nichts mehr zu erkennen.

Aber irgendwo war ein leises Motorengeräusch zu hören. Um diese Zeit in Küstennähe ein Boot bei Dunkelheit zu führen, konnte nur bedeuten, dass es sich um Flüchtlinge handeln muß .An diesem Aussichtspunkt befindet sich ausgerechnet eine Beobachtungsstelle der Gruppe, der wir am Mittag beitreten wollten.

Dem dort Zuständigen haben wir unsere Beobachtung mitgeteilt, der jedoch abwinkte und meinte, das wäre die Küstenwache, die dort Kontrollen fahren würden.

Wir haben aber nicht locker gelassen und darauf hingewiesen, dass ein Schiff der Küstenwache keinesfalls unbeleuchtet in Strandnähe herumfahren wird.

Nach langem Zureden konnten wir ihn dann bewegen, die Helfer in Strandnähe auf unsere Beobachtung hinzuweisen und nur Sekunden später kam die Bestätigung, dass man ein Boot gesichtet hat und arabische Rufe zu hören seien.

Wir haben uns dann sofort mit dem Auto auf zum Strand gemacht. Dort sind dann etwa 60 Menschen mit kleinen Kindern, vollkommen durchnässt und verfrohren, am Stand angelangt. Da die Straßen in direkter Strandnähe viel zu eng sind, haben wir die Flüchtlinge dann zu Fuß zum nächsten Ort auf einen großen Spielplatz gebracht, wo die erste Versorgung erfolgen konnte.

Eine ältere Frau aus Afghanistan musste ich den ganzen Weg Stützen, weil sie über starke Schmerzen in den Beinen klagte, eine weitere Frau hatte nach erster Diagnose das Handgelenk gebrochen.

Auf dem Platz wurden dann zuerst die kleinen Kinder mit trockenen Kleidern und Getränken versorgt. Nachdem alle anderen Personen ebenfalls versorgt waren, wurden sie mit einem Bus zum Auffanglager gebracht.

Die Leiter der Gruppe waren mittlerweile auch eingetroffen und haben sich ausführlich bei uns bedankt, dass wir es waren, die das Boot entdeckt haben.

Neben allem Elend, das wir hier vorfinden, endlich auch mal ein kleiner Lichtblick.

Wir wir bereits erfahren mussten, ist es eine sehr üble Erfahrung, wenn man an einem Boot ankommt, jemand einem ein Baby übergibt, das sich nicht bewegt, fest in eine Schwimmweste gewickelt.

Wenn man das kleine Wesen dann aus seiner Schwimmweste befreit und es die Augen öffnet und laut schreit, gibt es kein schöneres Geräusch auf der Welt, es lebt noch, Gottseidank !

Wenn die Mutter dann das Bay wieder in den Arm nimmt, weis man, obwohl man diese Frau nie wieder sehen wird, dass man ihre strahlenden Augen nie wieder vergessen kann.

Auf die eine oder andere Art wird uns diese Zeit verändern.

 

SCHEIß EU

Sorry für die Überschrift, aber was heute hier abgeht, ist einfach zu arg.

Seit heute 00:00 Uhr gilt eine neue EU Richtlinie, die besagt, dass alle ab diesem Zeitpunkt ankommenden Flüchtlinge festzunehmen und in Hotspots zu verbringen sind.

Die Nachricht hat uns etwa gegen 8 Uhr heute morgen erreicht, dass eine große Zahl von Flüchtlingen unter Polizeibegleitung zum Hafen gebracht und dann mit Bussen abtransportiert und nach Athen verfrachtet werden soll.

Das Unglaubliche an der Geschichte, die Flüchtlinge müssen die Busfahrt in Höhe von 3 Euro und die Überfahrt nach Athen in Höhe von 50 Euro selbst zahlen.

Die Fährgeschäfte machen Umsätze in unbekannter Höhe und wer nicht zahlen kann, wir hier interniert.

Wir waren so gegen 10 Uhr im Hafen und kurz danach kam eine Fähre mit etwa 300 Menschen hier an.

Wir haben dann zuerst einmal Trinkwasser und Backwaren an die Menschen verteilt, die keinerlei Ahnung haben, was hier mit Ihnen geschieht, einige fragten, ob das schon Athen sei.

Diese Menschen wissen nicht, dass irgend jemand beschlossen hat, dass Ihr Heimatland ein "sicheres" Land ist und sie dorthin zurück müssen.

Nicht genug, dass sie vor Ihrer Abreise ihr Hab und Gut verkauft haben um die Überfahrt durch Schleuser zu bezahlen, sie müssen jetzt genau dahin zurück, wo Ihre Reise begann, mit dem Unterschied, dass sie jetzt noch weniger besitzen als vorher.

Die Helfer hier sind dermaßen sauer, dass an manchen Stellen Unmut laut wird über diese Behandlung.

Keiner der Leute, die heute in den Bus und danach irgendwann die Fähren besteigen, weiß, was aus Ihnen wird.

Es sind Menschen, die Angehörige auf der Überfahrt verloren haben, die teilweise seit Wochen und Monaten unterwegs sind.

Da stehen alte Frauen kraftlos gegen einen Zaun geneigt in zerlumpten verschmutzen Kleidern, die Strapazen der letzten Wochen haben tiefe Spuren in ihren Gesichtern hinterlassen, was soll man ihnen Antworten, wenn sie in gebrochenem Englisch fragen, ob nun alles gut wird. Sie bedanken sich für die Hilfe und freuen sich, endlich Europa erreicht zu haben. Man kann sich nur umdrehen und langsam weggehen, vermeiden irgend etwas zu sagen, was noch mehr Anlass zu Hoffnung auf ein Ende des Elends geben könnte.

Die ganze Situation ist emotional sehr anstrengend.

Aus den Kleiderlagern am Standrand werden Unmengen an Kinderkleidung gebracht, Helfer ziehen den Kindern frische, saubere und vor allem warme Kleidung an, es sind meist kleine Kinder im Alter von 2-4 Jahren, die hoffentlich von der ganzen Geschichte nicht allzu viel mitbekommen. Fernsehteams waren hier und haben schamlos die Menschen in Ihrer Verzweiflung gefilmt, ohne Rücksicht auf die Menschen und Ihre Situation zu nehmen.

Warum sieht man bei diesen Transporten keinen der Politiker, die diese Situation zu verantworten haben ?

Wir haben mit Helfern gesprochen, die aus den Hotspots kommen und von den unglaublichen Zuständen dort erzählt haben.

Hunderte von Menschen in riesigen Hallen zusammengepfercht. Es gibt Fälle von hochansteckenden Krankheiten einschließlich Meningitis, Krankheiten die sich unter den dortigen Verhältnissen rasant ausbreiten werden.

Egal, mit wem man spricht, man ist der Meinung, Deutschland trägt einen großen Teil der Schuld für die momentane Lage und je nach Entwicklung der Lage könnte die Stimmung sehr schnell kippen.

Wir werden hier nur die "Deutschen Ärzte" genannt und werden von Polizei und Sicherheitsdiensten freundlich begrüßt, wo wir sie auch antreffen.

Wir geben uns die größte Mühe, mit anzupacken, wo es nur geht.

Wir verteilen Getränke und Essen, ziehen Kinder neu an und haben gestern Abend auch den kompletten Park von den Hinterlassenschaften der vielen Menschen gereinigt. Dennoch macht sich langsam ein ungutes Gefühl breit, dass vieles von dem , was wir hier tun , unnötig und mehr oder wenig sinnlos ist.

Es mag sein, dass viele der Leute, die täglich hier ankommen, reine "Wirtschaftsflüchtlinge" sind. Aber vor mir steht ein Mensch, der mich verzweifelt um Hilfe bittet.

Soll ich dem in die Augen schauen und sagen "Pech gehabt, geh dahin, wo du herkommst"?

Niemals ! wir werden uns ein kleines Stück Menschlichkeit bewahren, egal was kommt, dafür sind wir hier.