Flüchtlingshilfe Ludwigshafen - Ruchheim

RETTUNGSEINSATZ CHIOS / GRIECH. INSELN 17. - 31. März 2016  /  TAG 6

Guten Morgen an Alle.

Erst einmal die besten Wünsche von uns fürs bevorstehende Osterfest nach Deutschland.

Ostern wird hier im April gefeiert, heute ist hier ein großer griechischer Feiertag, der Unabhängigkeitstag.

So richtig fest schlafen geht hier irgendwie nicht, wir sind wieder aktiv, also noch ein paar Zeilen zur Nacht.

Wir haben uns gestern so gegen 20.30 Uhr zu unserem Beobachtungsposten aufgemacht.

Voll gepackt mit Ferngläsern, Nachsichtgeräten, der allgemeinen medizinischen Ausrüstung und Unmengen von

löslichem Kaffee.

Im Beobachtungscontainer steht zum Glück ein Gaskocher um Wasser zu erhitzen, wir haben Funkverbindung zur Hafenpolizei

und etwas Schutz vor Regen und Wind.

Der Container selbst steht auf einem Hügel direkt über dem Strand und bietet freie Sicht aufs Meer, geradeaus etwa 8 km bis zum

türkischen Festland und rechts und links etwa 20 km weit in beide Richtungen aufs offene Wasser.

Die Beobachtungsposten sind über die gesamte Küste von Chios, von Nord bis Süd verteilt.

Die Wasserfläche wird nun permanent mit Ferngläsern abgesucht, in der Hoffnung (k)ein Boot rechtzeitig zu sichten.

Es dauert eine geraume Zeit, bis man sich daran gewähnt hat, auf einer riesigen Wasserfläche bei Dunkelheit und nur von leichtem Mondlicht erhellt, etwas zu erkennen.

Wenn man ein Boot sichten sollte, wird die sofort die Gruppe verständigt, welche dann Küstenwache und Bergungsteams, falls erforderlich, informiert und alles zur sicheren Begleitung der Menschen an die Küste in die Wege leitet.

In dieser Meerenge herrscht allgemein viel Schiffsverkehr durch Fähren, Fischerboote, Fracht- und Containerschiffe.

Hier haben wir uns eine Handy-App besorgt, welche die Schiffe am aktuellen Standort auflistet und grafisch anzeigt. Leider kann man nicht unterscheiden, ob es sich um kommerziellen Verkehr oder evtl. um ein Flüchtlingsboot handelt.

Leider zeigt die App natürlich nicht die Schiffe der Küstenwache und von FRONTEX an, die wollen ja unerkannt bleiben.

Es ist wirklich extrem anstrengend, stundenlang aufs Meer zu starren und zu versuchen, irgendwas zu erkennen.

Es war eine sehr ruhige Nacht.

Leichter Wind mit leichter Bewölkung, nahezu Vollmond und Temperaturen von etwa 15 Grad erleichterten den Abend sehr.

Wir haben keine Boote gesehen...

Nicht leider, sondern Gottseidank haben wir keine gesehen.

In dieser Nacht können wir sicher sein, dass in unserem Abschnitt kein Mensch Angst um sein Leben haben musste oder gar

ertrunken ist.

Offensichtlich greift das Konzept des EU-Türkei-Deals, dass die türkische Küstenwache verstärkt Streife fährt und Flüchtlinge in

Booten sofort aufbringt und zurück in die Türkei schafft.

So kommt die Insel hier etwas zur Ruhe obwohl dieses Netz sicherlich nicht so engmaschig ist, dass überhaupt kein Boot mehr hier ankommt.

Die neue EU-Verordnung sieht allerdings auch vor, dass alle, die hier ankommen, sofort in Lagern wie VIAL arrestiert werden und dann in Sammeltransporten zurück in die Türkei gebracht werden.

Wir haben auch über diese Dinge diskutiert und sind eigentlich sicher, dass die illegalen Schleuser auf türkischer Seite mit Sicherheit nicht auf den bisherigen Profit verzichten wollen und irgendeinen Weg finden werden, ihr gewissenloses Treiben in irgendeiner Art und Weise fortzusetzen.

Wir werden heute Abend wieder Stellung beziehen und wieder auf eine ruhige Nacht hoffen.